Die andere Moderne mit fernöstlichen Anklängen.

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Haus mit fernöstlichen Anklängen
Foto: Nick Wendt

Die Bauhaus-Moderne, die Klassische genannt, mit ihren reinen Geometrien, Kuben und Quadern, ist nicht die einzige. Wem sie zu abstrakt ist, der sollte sich dieses Haus genauer ansehen. Es steht für eine andere Moderne, mit Wurzeln in Fernost und in den USA. 

Sie ist auf der richtigen Spur, die „Berliner Morgenpost”, wenn sie vom „Teehaus” spricht und die Inspirationsquelle in Japan sucht. Das Gebäude am Rande der Hauptstadt trägt ein eigentümliches, fernöstlich anmutendes Dach, flach geneigt, kurz vor der Traufe noch mit einem leichten Schwung nach oben versehen, von der Seite betrachtet an Vogelschwingen erinnernd; die Fassade ist von der Farbe des bekannten Matcha-Pulvers, ohne das eine japanische Teezeremonie nicht stattfinden kann. In Wahrheit jedoch liegt der Fall ein wenig komplizierter. Will man das Eigenheim von Katja und Michael Lehmann richtig einordnen, muss man um den ganzen Globus herum, von Berlin über Osaka nach Wisconsin und zurück.

Einfach, hell und offen

Obwohl man drinnen noch einmal recht klar und deutlich ans Land der aufgehenden Sonne erinnert wird, durch die Shoji, halbtransparente Schiebewände, mit Reispapier anstatt mit Glas zwischen den dünnen, filigranen Sprossen. Sie teilen bei Bedarf die Bibliothek vom übrigen Wohnbereich ab. Lehmanns wohnen auf offen gestalteten anderthalb Geschossen, doch die geringe Dachneigung ermöglichte einen hohen Kniestock und damit viel Kopffreiheit im Dachgeschoss. Dafür wurde an Luftraum nicht gespart. So wenig wie an Tageslichteinfall. Unten in erster Linie durch bodentiefe Fenster im Süden, oben durch zwei Fensterbänder jeweils an den Längsseiten, im Norden und im Süden, außerdem durch zwei Spots in Firsthöhe. Kaum etwas von diesem Licht wird verschluckt, Wände und Dachschrägen sind weiß gehalten, das massive Parkett und die Treppe bestehen aus heller Eiche, die Decke aus hellen Brettschicht-Elementen.

Zusatzqualifikation

Das Weiß der Wände stammt von diffusionsoffenen Silikatfarben, aufgetragen auf Lehmputz, Parkett und Treppenstufen wurden geölt, die Decke wurde unbehandelt belassen. Kurz, alle Oberflächen „atmen“, wie es so schön und so grundfalsch heißt, sie nehmen überflüssige Luftfeuchte auf und geben sie wieder ab, sollte die Luft zu sehr austrocknen. Die Lehmoberflächen setzen dabei nicht nur keinerlei Schadstoffe frei, sie filtern eventuell im Raum vorhandene Wohngifte sogar heraus. Katja Lehmann weiß als Medizinerin, dass man das Sick-Building-Syndrom ernst nehmen muss. Sie und ihr Mann suchten im Internet gezielt einen Architekten mit Erfahrung im wohngesunden und ökologischen Bauen, in Berlin keine zu kleine Gruppe. Peter Garkisch allerdings, Planer aus Köpenick, brachte eine Zusatzqualifikation mit: er hatte in den Neunzigern in einem Architekturbüro in Osaka gearbeitet. Lehmanns, nicht erst seit ihrem ersten Urlaub in Nippon empfänglich für japanische Ästhetik, wurden neugierig – man fand schnell zusammen.

Gegen den Strom

An oberster Stelle standen indes die ökologischen Qualitäten. Kalksandstein beispielsweise ist kein typisch japanischer Baustoff. Aber das Gebäude sollte Speichermasse haben, die Wände die Hitze der Berliner Sommertage abpuffern. „Ein träges System”, sagt Michael Lehmann, von Beruf Physiker. Gelüftet wird von Hand: „Dazu müssen wir nicht einmal die Fensterbänke freiräumen …”, die Fenster aus skandinavischer Herstellung lassen sich sämtlich nach außen öffnen, Querlüften ist selbst an Regentagen kein Problem. Die Leitungen der Wandheizung im Lehmputz werden teils vom Gasbrennwertkessel, teils von den sechs Solarkollektoren auf dem Dach versorgt. Es gibt einen großen Solarspeicher, eine Regentonne. Was es nicht gibt sind Lüftungsanlage, Wärmepumpe, Photovoltaik auf dem Dach, ein BUS-System zur Gebäudesteuerung. Ein „langsames” Haus, gewollt oder ungewollt Gegenentwurf zum von Werner Sobek entworfenen Berliner EffizienzhausPlus.

Über Japan hinaus

In gestalterischer Hinsicht sowieso. „Vor Architekturpreisen bin ich relativ sicher”, meint Garkisch. Alles an seinem Entwurf ist Absage an das Puristische, streng Geometrische der Klassischen Moderne, die die Jurys der Kammern so lieben. Der Planer hat sich in Japan auch von den Bauwerken Frank Lloyd Wrights faszinieren lassen. Wright hatte hundert Jahre zuvor japanische Kunst und Baukunst für sich entdeckt und in Auseinandersetzung mit ihnen seine Version der Moderne entwickelt, beispielhaft verwirklicht in seinem eigenen Domizil im US-Bundesstaat Wisconsin, mit flach geneigten, weit überstehenden Dächern und Vordächern. Kontrolliert verspielt, für Garkisch offensichtlich die bessere, menschlichere.

Organisch nach Wright

Am Anfang der Planungsphase, berichtet Michael Lehmann, habe sich der Architekt auf das Grundstück gestellt, zwischen die alten Bäume und die alten Villen der Nachbarschaft, habe in alle vier Himmelsrichtungen geschaut und den Ort auf sich wirken lassen. Im besten Fall kommt bei diesem Verfahren „organische Architektur” im Sinne Wrights heraus, eine, die Natur und Umgebung nicht dominiert, sie stattdessen ergänzt, komplettiert und sich zugleich einfügt. Die Fassadenfarbe erfüllt hierbei zwei Funktionen, sie harmoniert wunderbar mit Rasen und Bäumen und sie sorgt dafür, dass das Äußere auf Dauer ansehnlich bleibt. An gedämmten Fassaden siedeln sich gerne die an sich harmlosen Algen an, je üppiger die der Umgebung, desto schneller – Hausbesitzerschicksal. Auf schlohweißen Bauhaus-Wänden gut zu erkennen, geradezu ins Auge stechend. Nicht so auf Teegrün.

Haus-Daten

Planungszeit: Mai–Juli 2009
Bauzeit: September 2009–Mai 2010
Bauweise: massiv
Wohnfläche: EG ca. 80 m2, OG ca. 53 m2
Baustoff, konstruktiv: Kalksandstein, Brettschichtholz-Elemente, KV-Holz
Fassade: Putz
Dämmung: Außenwand 20 cm Steinwolle, Dach 40 cm Zellulose,
U-Werte der Außenwände: ca. 1,3 W/(m2K)
U-Wert der Fenster: ca. 1,6 bzw. ca. 0,8 W/(m2K)
Dach: Satteldach
Haustechnik: Kombiheizung aus Gas-Brennwertkessel, Solarthermie-Anlage (Kollektorfläche ca. 15 m2), 750-Liter-Solarspeicher, Kaminofen; Wandheizung, Zentralstaubsauger; Gigabit-Ethernet
Jahresprimärenergiebedarf: ca. 50 kWh/(m2a)
Jahresendenergiebedarf:  ca. 25 kWh/(m2a)
Baukosten: ca. 3400.000 €
Kredite: KfW-Kredit für Effizienzhaus 70
Architekt: Dipl.-Ing. Architekt Peter Garkisch, Dritte Haut(r) Architekten, Bölschestraße 18, 12587 Berlin, Tel:. 0 30/64 09-17 44, Fax: 0 30/64 09-44 69, E-Mail: garkisch@dritte-haut.de, www.dritte-haut.de

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