KAMPA Kundenhaus Setros
Nachhaltiger Hausbau wird angesichts des Klimawandels immer wichtiger. Foto: KAMPA

Nachhaltiger Hausbau und wohngesunde Innenräume werden nicht zuletzt angesichts des Klimawandels immer wichtiger. Wir fragten einen Experten, wie sich Wohngesundheit und Nachhaltigkeit miteinander vereinbaren lassen.

Bauherren und Renovierer haben bei ihren Projekten individuelle Prioritäten. Eine gute Architektur, ein großes oder ein kleines Haus, viel oder wenig Platz, eine hohe Energieeffizienz bis hin zu Nachhaltigkeit und Wohngesundheit. Wir sprachen mit dem Gesundheits- und Nachhaltigkeitsexperten Peter Bachmann, ob und wie sich die beiden letzteren ergänzen oder gegenseitig behindern.


Peter Bachmann, Gründer und Gesellschafter des Sentinel Haus Instituts
Peter Bachmann. Foto: Sentinel Haus Institut

Zur Person

Peter Bachmann ist Gründer und Gesellschafter der Sentinel Haus Instituts in Freiburg. In Zusammenarbeit mit vielen Partnern bringt der Nachhaltigkeitsexperte seit 2005 das gesündere Bauen voran. Zurzeit arbeitet sein Unternehmen daran, digital für alle Baubeteiligten hochwertige, nachhaltige und gesunde Produkte verfügbar zu machen.


Herr Bachmann, nicht immer bietet sich bei mehreren Zielen eine gemeinsame Lösung an. Insbesondere bei wohngesunden und gleichzeitig nachhaltigen Lösungen lassen sich Zielkonflikte nicht immer ausschließen, oder?

Peter Bachmann: Nein, dieser Eindruck täuscht. Gesundheit und Nachhaltigkeit sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Es geht darum, Bauen und Wohnen gesund, zukunftsfähig, enkelgerecht und klimaschonend zu machen. Denn Schadstoffe im Innenraum sind für Kopfschmerzen, Schlafprobleme, Nebenhöhleninfekte, Asthma und gereizte Schleimhäute verantwortlich. Das wissen viele Menschen, auch Profis, nicht. Solche Produkte oder Bauweisen sind natürlich auch nicht zukunftsfähig.


„Luft ist unser wichtigstes Lebensmittel!“


Nehmen wir das Beispiel Energieeffizienz. Um CO2 einzusparen, sollte das Gebäude möglichst gut gedämmt und abgedichtet sein. Aber gerade diese Luftdichtigkeit kann zu Problemen bei der Raumluftqualität führen. Ein Dilemma?

Peter Bachmann: Nur wenn Planer, Handwerker oder Hausanbieter ihre Hausaufgaben nicht machen! Zwei Drittel aller neuen Gebäude werden ohne Lüftungsanlage errichtet. Das ist ein enormer Fehler, sowohl was die Energieeffizienz angeht, als auch für die Wohngesundheit. Denn regelmäßiges Lüften, am besten automatisch, ist die wichtigste Voraussetzung für gesundes Wohnen. Genauso wie eine möglichst perfekte luftdichte Ebene der Gebäudehülle, die ungewollten Luftaustausch und Bauschäden verhindert. Luft ist unser wichtigstes Lebensmittel!

Einfamilienhaus auf einem Grundstück im Wald.
Nachhaltigkeit und umweltfreundliches Bauen spielen bei der Hausplanung eine immer wichtiger Rolle. Foto: VISION by Danwood

Gibt es andererseits eine Reihe emissionsarmer Bau- und Ausbau-Materialien (Kunststoffe), die unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit nicht erste Wahl wären?

Peter Bachmann: Ja, da muss man ganz genau hinschauen. Unsere Datenbank enthält für jedes Gewerk alle relevanten Produkte für alle relevanten Bauweisen. Jedes Produkt ist individuell geprüft und kommt nur über unsere Mitarbeiter in die Datenbank. Darunter sind immer mehr Produkte, die sowohl gesund wie auch kreislauffähig sind und die problemlos wieder in den technischen oder biologischen Kreislauf integriert werden können. Zum Beispiel ist regionales und unbehandeltes Holz perfekt für kreislauffähiges Bauen und Einrichten. An allem anderen arbeiten wir intensiv in Zusammenarbeit mit den Herstellern.

Inwiefern ist der Bausektor gefordert?

Peter Bachmann: Klar ist, der Bausektor hat hier enorm viel aufzuholen. Es braucht neue technische Lösungen, aber auch ganz alte. Wenn Hersteller und Handwerker traditionelle Fügetechniken wiederentdecken, müssen die Schichten eines Bauteils nicht mehr untrennbar miteinander verklebt werden. Auch Schrauben ist besser als Kleben. Wichtig ist, dass nicht mehr benötigte Materialien 1:1 oder besser weiterverwendet werden. Die thermische Verwertung, sprich Verbrennen, oder Recycling im Sinne von Downcycling in schlechtere Produkte mit schlechteren Eigenschaften können wir uns schlicht nicht mehr leisten.


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Schafft die Ressourcenschonung im Sinne der Nachhaltigkeit, die auf die Wiederverwendung von Abrissmaterialien oder Recycling generell setzt, ein Problem für die Wohngesundheit, weil wenig/keine Daten vorliegen?

Peter Bachmann: Wenn schadstoffhaltige Materialien in neue Kreisläufe gelangen, ist das ein Problem, ja. Aus dem Kunststoff von Autositzen, der mit giftigen Flammschutzmitteln versetzt ist, einen Bodenbelag zu machen, war eine sehr schlechte Idee. Deshalb müssen Produkte heute mit minimal wenigen Schadstoffen hergestellt und von vornherein für die Kreislaufnutzung entwickelt werden, wie es unser Kreislaufkonzept vorgibt.

Musterhaus von Baufritz
Fertighäuser werden nach umfassenden Nachhaltigkeitskriterien geplant und erfüllen damit die Voraussetzungen für eine Förderung. Foto: BDF/Baufritz

Welche Herausforderungen gibt es hierbei?

Peter Bachmann: Für das, was in unseren Mülldeponien und Gebäuden steckt, Stichwort „Urban Mining“, sind die Sorglosigkeiten vergangener Jahrzehnte im Umgang mit Schadstoffen sowie fehlende Daten eine enorme Herausforderung. Da muss man wirklich genau hinschauen, Proben auswerten und Verfahren entwickeln. Es gibt gute Ansätze, die wir aktuell in Modellprojekten umsetzen und dabei den Innovationsbedarf herausarbeiten.

Sollte nicht eine Gesamtbetrachtung (Ranking) von Baumaterialien angestrebt werden, das den Kriterien wohngesund und nachhaltig zugleich gerecht wird? Oder ist die Idee zu kompliziert, zu teuer, zu unpraktisch?

Peter Bachmann: Aktuell arbeiten wir an einer Gebäudebewertung hinsichtlich Kreislauffähigkeit, welche die Qualität von Produkten und Systemen sichtbar macht. Produkte, die von natureplus oder Cradle-to-Cradle (C2C, ab Silberstandard) zertifiziert sind, werden von uns hoch bewertet. Aber es gibt auch gute Produkte ohne Zertifizierung, deren nachhaltige Eigenschaften gut bis sehr gut sind. Problematisch sind die Materialverbünde. Doch schon heute können Sie Fliesen trocken verlegen, wieder aufnehmen, einzeln austauschen oder anderswo wiederverwenden. Wir müssen lernen, solche Kreisläufe neu zu denken.


„Zwei Drittel aller neuen Gebäude werden ohne Lüftungsanlage errichtet. Das ist ein enormer Fehler, sowohl was die Energieeffizienz angeht, als auch für die Wohngesundheit.“


Wie kommen Nachhaltigkeit und Kreislauffähigkeit auf die Baustelle?

Peter Bachmann: Ein spannendes Thema! Für die Wohngesundheit haben wir das durch schlanke Prozesse und kompakte aber ausgefeilte Schulungsprogramme gut hinbekommen. Solche Gewerkeleitfäden entwickeln wir jetzt auch für das zukunftsfähige Bauen, Planer und Handwerker können davon direkt profitieren. Zudem sind wir an Logistikkonzepten beteiligt, mit denen geprüfte Produkte innerhalb weniger Stunden auf die Baustelle kommen.

In der Förderpolitik spielen derzeit vor allem energetische Auflagen eine Rolle, in der Neubauförderung dann noch Nachhaltigkeitsauflagen. Greift das zu kurz?

Peter Bachmann: Sollte Wohngesundheit staatlich gefördert werden oder quasi ‚Privatsache‘ bleiben? Das wird sie schon! Das Qualitätssystem Nachhaltige Gebäude QNG als Voraussetzung für eine KfW-Neubauförderung beinhaltet mit dem Pflicht-Steckbrief 3.13 endlich Anforderungen an die Gesundheit der Produkte.

Haus mit Satteldach und Erker
Nachhaltig bauen wird oftmals durch lukrative Fördermöglichkeiten unterstützt. Foto: Rensch-Haus

Diese Gütesiegel sollte jeder Bauherr kennen.


Was ist darüber hinaus erforderlich?

Peter Bachmann: Noch wichtiger wäre, dass der Gesetzgeber die gesundheitliche Qualität von Produkten strenger reguliert. Wir haben bereits zahlreiche QNG-zertifizierte Produkte in unserer Datenbank, und es werden täglich mehr. Klar ist, dass bei der Förderung auch die Sanierung eine Rolle spielen muss. Das Ganze ist komplex. Dafür braucht es digitale Lösungen. Auch daran arbeiten wir in einem Forschungsprojekt mit Unterstützung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt.

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