Das Aktivhaus als umweltfreundliches Kraftwerk.

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Aktivhaus.
Foto: FingerHaus

Einer der Bewerber für den Titel „Haus der Zukunft“ ist das Aktivhaus. Es kann die Rolle eines umweltfreundlichen Energieversorgers übernehmen, für sich und seine Bewohner, für Nachbarn, Stadt, Region – für alle.

Ein Team aus Studenten der TU Darmstadt unter Leitung von Prof. Manfred Hegger gewann den Solar Decathlon 2009 in Washington, die Weltmeisterschaft der Solarhäuser, mit einem Gebäude, das mehr als das Doppelte seines eigenen Verbrauchs nur mit Sonnenenergie erzeugte. Fassade und Dach bestanden beinahe vollständig aus Photovoltaikmodulen, die sogar noch aus indirektem und diffusem Licht gute Stromerträge erzielten. Alle Teilnehmer mussten mit ihren Überschüssen Elektroautos laden, aber bald war klar, dass einige mehr sein konnten als Selbstversorger und Tankstellen. Nämlich Teile eines virtuellen, landes- oder eines Tages sogar weltweiten, sauberen, CO2-freien Kraftwerks. Keine neue Idee, bereits 1994 hatte Architekt Rolf Disch in Freiburg sein erstes Plusenergiehaus® fertiggestellt. Unser Energie- und Klimaproblem, das wusste Disch damals schon, löst nur die Sonne, und weil sie überall und für alle scheint, sollten auch möglichst viele an möglichst vielen Orten bei der Ernte mitmachen.

Wärmeerzeugung
Alles belegt: Vakuumröhren-Kollektoren zur Wärmeerzeugung schließen oben die Dachfläche ab, der Rest gehört den Solar strom-Modulen. Denn pro Jahr und Quadratmeter liefert die Sonne in Deutschland an reiner Energie den
Gegenwert von 100 Litern Öl. Foto: WeberHaus

Das Aktivhaus ist immer am Netz

Man kann Gebäude jeder Art und Größe als Kraftwerk bauen, doch Einfamilienhäuser sind klar im Vorteil – aufgrund eines bauphysikalischen Nachteils: Verglichen mit Reihen- oder gar Hochhäusern verfügen sie im Verhältnis zum Rauminhalt über eine größere Außenfläche, die zwar Wärme abstrahlt, die jedoch zur solaren Strom- und Wärmegewinnung dienen kann. Selbst noch auf der Nordfassade, wie 2009 beim Darmstädter „surPLUShome“. Werner Sobek, unter anderem Schöpfer des Testobjektes Effizienzhaus Plus vor dem Bundesbauministerium in Berlin, spricht vom „Aktivhaus“, zwecks Abgrenzung von der Passivhausbauweise. 2013 hat er zusammen mit Hegger und anderen den Verein AktivPlus e. V. gegründet. Dort hat man konkrete Vorstellungen davon, wie das Geben und Nehmen ablaufen könnte. Das Aktivhaus soll in naher Zukunft Teil des SmartGrids sein, des schlauen Netzes, in dem neben sauberer Energie fleißig Informationen ausgetauscht werden: Wer benötigt gerade wo wie viel? Wer kann wo wie viel für wie lange liefern?

Wohnquader
Nach dem Prinzip der „Schwesterlichkeit“, wie sein Schöpfer Werner Sobek es nennt, spendet dieser Wohnquader,
aufgestellt mitten in der Weißenhofsiedlung in Stuttgart, dem Weißenhof-Museum sein Solarstrom-Plus. Sobald die
zwei E-Mobile versorgt sind. Foto: Zooey Braun/SchwörerHaus

Smart und schnell

Ein echtes Aktivhaus ist nach Manfred Hegger „schnell“. Es kann sich rasch auf Wetterwechsel und verändertes Verbrauchsverhalten seiner Bewohner einstellen, mittels einer lernfähigen Hausautomation, die alle Erzeuger und alle Verbraucher steuert, vom Toaster über Wasch­maschine, Lüftungsanlage und Wärmepumpe bis hin zu den Speichern, die Solarstrom aufnehmen können, wenn die Geräte versorgt sind: den Batteriespeicher, das E-Mobil, das E-Fahrrad ebenso wie den Puffer­speicher der Wärmepumpe. In Fertighäusern, die als Plusenergie-Häuser angeboten werden, sollten zumindest Stromspeicher zur Standard-Ausstattung gehören.

Wichtig: der Wärmeschutz

Kritiker der Idee sind nach wie vor der Ansicht, dass die oft einseitige Ausrichtung auf Strom lediglich neue Abnehmer für unsere Kohle- und Atom-Dinosaurier schaffe. Denn in der kalten Jahreszeit müssen die meisten Wohnkraftwerke so einige Kilowattstunden aus dem Netz ­beziehen, umso mehr, je mehr an der Wärmedämmung gespart wurde. Wohingegen Passivhäuser dank ihres sehr guten Wärmeschutzes mit geringstem Energieeinsatz über den Winter kommen. Aber man kann ja das eine tun, ohne das andere zu lassen.

 

In den Startlöchern

Der Beitrag der Aktivhäuser zur Energiewende könnte wesentlich größer sein, würde die Politik zur Zeit nicht auf der Bremse stehen. Da die gesetzlich festgelegte Vergütung für den eingespeisten Sonnenstrom vom Dach gegenwärtig nur noch um die 12 Cent pro kWh beträgt, ist Eigenverbrauch weit lohnender. Immerhin eine Etappe auf dem Weg zur allgemeinen dezentralen Versorgung wäre die Vernetzung innerhalb einer Siedlung. Die Plusmacher in der Wuppertaler Fertighauswelt zum Beispiel speisen in einen Großspeicher ein, aus dem sie sich wiederum nach Bedarf bedienen. Solange Aktivhäuser der Allgemeinheit nicht helfen dürfen, helfen sie sich schon einmal gegenseitig.

Infos

Planung
Optimal als KfW-Effizienzhaus 55 oder KfW-Effizienzhaus 40; möglichst große, verschattungsfreie Dachfläche nach Süden für Photovoltaikmodule und ggf. Solarkollektoren zur Wärmeerzeugung; Solarstromspeicher – wahlweise mit besonders leistungsfähigen Lithium-Ionen- oder mit in der Anschaffung günstigeren Blei-Säure- bzw. Blei-Gel-Akkus; Hausautomation mit Energiemanagerfunktion; optional Ladestation fürs E-Mobil

Kosten u. Förderung
Die Mehrkosten für ein „Effizienzhaus Plus“ betragen laut Bundesbauministerium zwischen 230 und 325 €/m2; bei Aufbau auf dem Standard eines KfW-Effizienzhauses Förderung auf Bundesebene durch die KfW-Programme 153 „Energieeffizient Bauen“, 124 „KfW-Wohneigentumsprogramm“, 274 „Erneuerbare Energien – ­Standard Photovoltaik“ sowie 275 ­Erneuerbare Energien – Speicher“

Info-Adressen
Solarpionier Rolf Disch aus Freiburg hat hierzulande die ersten auf Überschuss ausgelegten Solarhäuser gebaut. Die Bezeichnung „Plusenergiehaus®“ hat er sich schützen lassen.

Auf der Website des Vereins AktivPlus e.V. erfährt man mehr zur Vision einer nachhaltigen Architektur und Energieversorgung, sowie, anhand von Beispielen, zur Bauweise von einem Aktivhaus und zur Möglichkeit, auch Altbauten zu Energieverdienern zu ­machen.

Unter anderem anhand des von Werner Sobek entworfenen „Effizienzhauses Plus“ soll ein förderfähiger Standard für Wohnkraftwerke entwickelt werden. Bisher haben zwei Familien das Gebäude vor dem Bundesbauministerium in Berlin ausgiebig auf Wohnalltagstauglichkeit getestet, seit dem 13. Juni steht es der Öffentlichkeit zur Besichtigung offen.

Infokasten
100 Prozent sichere ­Wärmeerzeugung. Komfort und Sicherheit sind wichtige Aspekte bei der Wahl einer Heizung. Luft/Wasser-Wärmepumpen vereinen bei passender Auslegung beides. Die Energiequelle Luft ist im Gegensatz zu fossilen Brennstoffen unendlich, der Antriebsstrom kann mit einer Photovoltaikanlage selbst erzeugt werden, sodass laut dem Hersteller Mitsubishi Eletric Hausbesitzer Energie weitgehend autark erzeugen können. Darüber hinaus gewähr­leisten Systeme mit Zubadan-Technologie 100 Prozent sichere Wärmeversorgung bis zu Außentemperaturen von minus 28 °C. Selbst im Fall einer Wartung muss das Wärmepumpen-System im Gegensatz zu Wärmeerzeugern auf Basis fossiler Brennstoffe nicht komplett ausgeschaltet werden, denn im Notfall kann ein zur Sicherheit eingebauter elektrischer Heizstab die nötige Wärmeenergie produzieren.

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