Das Ökohaus: Federleichte Wirkung trotz grundsolider Konstruktion.

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Ökohaus
Foto: Anna Maria Ritsch

Man traue seinen Augen nicht: Das federleicht und transparent wirkende Ökohaus im Westen Vorarlbergs ist eine grundsolide, dabei wohngesunde Konstruktion, die Wind, Wetter und das turbulente Leben einer fünfköpfigen Familie schadlos und klaglos aushält.

Wolfgang Ritsch muss lachen, erzählt er von dieser einen Frage, die ihm mehr als einmal gestellt wurde, zum Beispiel in Paris anlässlich der Präsentation der Ausstellung „Konstruktive Provokation”. Was der Schlüssel sei zum Erfolg der Vorarlberger Architektur. „Da hab ich nur gesagt, es sind mehr als hundert, und die müssen Sie alle in der richtigen Reihenfolge drehen.” Nicht, dass die Frage an den falschen gerichtet war. Ritsch ist einer aus der ersten Generation der Baurebellen. Hat im „Befugnisstreit” mitgekämpft, als die gesetzte, etablierte und staatlich geprüfte Architektenschaft Österreichs juristisch gegen die Autodidakten mit handwerklichem Hintergrund im Ländle, im westlichsten Bundesland, vorging. Die einfallsreicher und dabei kostengünstiger entwarfen, und denen ihre Häuser nicht nur von lokalen Bauherren, sondern auch von internationalen Kritikergrößen abgekauft wurden. Man fand damals schließlich einen Kompromiss, die Rebellen konnten weitermachen und den Ruf der Region als Labor für modernes Bauen festigen. 2000 schrieb das britische Design-Magazin Wallpaper: „Geht es um neue Architektur, ist Vorarlberg der fortschrittlichste Flecken des Planeten.”

Auf der Terrasse: Das Sonnenlicht wird durch die Latten roste lediglich abgemildert, nicht abgeblockt. Foto: Anna Maria Ritsch
Auf der Terrasse: Das Sonnenlicht wird durch die Latten roste lediglich abgemildert, nicht abgeblockt. Foto: Anna Maria Ritsch

Einfach strukturiert

Wie ein paar der Schlüssel aussehen, lässt sich vielleicht am Beispiel eines von Ritschs Einfamilienhäusern zeigen, anhand eines Objektes in Sulz, unweit von Dornbirn, dem Sitz seines Büros. Das Gebäude mit einer Verschalung aus senkrecht angebrachten Lärchenbrettern folgt den simplen, aber wirkungsvollen Prinzipien der Solararchitektur. Auf der Nordseite dicht, fast nur Holz und sehr wenig Glas, dreht sich auf der Südseite das Verhältnis um; dort ist der einfach strukturierte Quader offen, im Winter werden die zwei Geschosse bis in die letzte Ecke vom Sonnenlicht erhellt. Terrasse und Balkon, beide über die gesamte Südfront laufend, sind aus dem Baukörper herausgeschnitten, derart, dass der Balkon vom flach geneigten Satteldach vor der Sommersonne geschützt wird. Seitlich wird er wie die Terrasse von den Lärchenbrettern der Fassade eingefasst, die das Licht nicht ab – blocken, nur filtern.

Ein Holzhaus ohne jede Massigkeit: der Balkon mit Teilen des sichtbaren, filigranen Stahlgerüsts. Foto: Kobiela
Ein Holzhaus ohne jede Massigkeit: der Balkon mit Teilen des sichtbaren, filigranen Stahlgerüsts. Foto: Kobiela

Natürlicher Luftfilter

Mittig kann man durchs Erdgeschoss hindurchsehen, dank einer der wenigen Glasflächen auf der Nordseite. Drinnen überall Holz: Decke, Böden, Türblätter, nicht zu vergessen die Einbaumöbel. Das ganze Haus ist ein solides Wohnmöbel. Zum Teil hat der Planer die statischen Funktionen einem filigranen Stahlgerüst anvertraut, dessen Stützen und Streben nicht versteckt werden. An den Wänden wurde Lehmputz aufgetragen, zwei Wände ganz aus Stampflehm im Erdgeschoss sind Raumteiler und Klimaanlage in einem: Der Baustoff aus der Grube hält die Raumluftfeuchte beständig auf für Menschen zuträglichen Werten, nimmt ohne an Festigkeit zu verlieren ein Zuviel an Feuchte auf und gibt sie wieder ab, sobald die Luft auf ein ungesundes Maß auszutrocknen droht, filtert im Zuge dessen gleich noch Schadstoffe wie Formaldehyd heraus.

Grünes Bewusstsein im Ökohaus

Holz, Lehmputz, thermische Solaranlage zur Warmwasserbereitung und Heizungsunterstützung mit 13 Quadratmetern Kollektorfläche, kontrollierte Lüftung mit Wärmerückgewinnung, ein Stückholzkessel, eine Regenwassernutzungs-Anlage mit 5.000-Liter-Zisterne für Toilettenspülung und Gartenbewässerung: Es muss wohl kaum erwähnt werden, worauf die Bauherrschaft den Schwerpunkt legte. Der ökologische  Fußabdruck der fünfköpfigen Familie kann so groß nicht sein. Otto Kapfinger, Chronist der Szene, stellt im Text zur zuvor erwähnten Ausstellung fest: „Vorarlberg hat heute österreichweit die weitaus größte Dichte an Energiesparhäusern und Passivhäusern.” Zurückführen könne man das auf ein in Generationen gewachsenes Wissen um die Knappheit und Endlichkeit natürlicher Ressourcen, in der Folge einer Sensibilität im Umgang mit ihnen, in einem Landstrich, der seine Bewohner nicht immer ernähren konnte.

Alle Einbaumöbel stammen aus der „Holzwerkstatt Markus Faißt” in Hittisau im Bregenzer Wald.
Alle Einbaumöbel stammen aus der „Holzwerkstatt Markus Faißt” in Hittisau im Bregenzer Wald. „Ein Massivholz – tischler”, betont der Architekt, für die, die nicht nahe genug herangehen und etwa die sauberen Schwalben – schwanzverbindungen des Arbeitstisches in der Küche übersehen könnten. Foto: Kobiela

Bestellerkompetenz

Was in den begeisterten Berichten über die weltweit einzigartige Architekturlandschaft oft vergessen – oder schamhaft verschwiegen – wird, sind die überschaubaren Kosten, für die die viel beachteten Häuser errichtet wurden und werden. Von Anfang an jedoch, so erklärt Ritsch sich dieses Phänomen, war das Verhältnis zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer hier ein wenig anders als anderswo. Die Planer träfen auf Bauherren, die sehr gut rechnen und Qualität von Nepp unterscheiden könnten, auf „Bestellerkompetenz”. Die erstrecke sich auf den Bereich der Ästhetik, und auch hierfür gebe es einen historischen Grund. Mangels Möglichkeiten in der Landwirtschaft sei lange Zeit die Textilindustrie ein wichtiger Erwerbszweig gewesen, regelmäßig sei man auf die wichtigen Messen im Ausland gefahren, um auf dem Laufenden zu bleiben. So habe sich ein Blick für gute Gestaltung entwickelt, verbunden mit der Erkenntnis, dass sie nicht teuer sein muss. Ritsch kommt viel in Europa herum, hält Vorträge – und die Augen offen. Bei uns im Norden fiel ihm schon mehrmals auf, wie edle oder vermeintlich edle Ausstattung die Baukosten nach oben treibt. Wer seine Kritik für überzogen oder unfair hält, der schaue sich, sofern noch möglich, im Diözesanzentrum eines Franz-Peter Tebartz-van Elst in Limburg um. Und Gutachter des VPB, der Verein Privater Bauherren e.V., bestätigen: Nicht etwa optimale Dämmung der Haushülle oder effiziente Heiz- und Haustechnik sprengen im Projekt Einfamilienhaus die Budgetgrenzen. Es ist der Gang ins Bemusterungszentrum, wo hoch – preisige Badarmaturen, Fliesen, Kücheneinrichtungen locken. Solaranlage, Erdwärmepumpe oder Holzkessel sind bei uns immer noch als Luxus verschrien, während ausgerechnet die sparsamen Vorarlberger gerade die postfossile Technik bevorzugen.

Foto: Kobiela
Foto: Kobiela

Schlüsselbund

Handwerkstradition, Bewusstsein für Nachhaltigkeit, ästhetisches Bewusstsein, so dürften einige der Schlüssel zum Erfolg Vorarlberger Architektur heißen. Aber vor allem die schlichte Tatsache, dass sich diese Eigenschaften nicht nur aufseiten der Auftragnehmer finden, sondern ebenso aufseiten der Auftraggeber. Mit solchen Kunden verhandelt, spricht man auf Augenhöhe, stellt ihnen nicht etwa einen Entwurf vor die Nase, nein, man klärt zunächst ausführlich die Erwartungen und Ansprüche ans zukünftige Haus ab. Ritsch: „Erst wenn ich genug über die Wünsche und Wohnvorstellungen weiß, kann ich kreativ werden, vorher nicht.” Solche Kunden stehen hinter ihren Baukünstlern, wie sich schon in den 1980ern zeigt, als diese sich mit dem Establishment in Wien anlegten. Dafür – Vorsicht: Untertreibung – bekommen die Besteller allerdings auch ein bisschen mehr.

13 Quadratmeter Solar - kollektoren auf dem Dach tragen zur Warmwasser - bereitung und Raumheizung bei. Foto: Anna Maria Ritsch
13 Quadratmeter Solarkollektoren auf dem Dach tragen zur Warmwasserbereitung und Raumheizung bei. Foto: Anna Maria Ritsch

Bautafel

Bauweise: Planungszeit: 2000–2002
Bauzeit: 2002–2004
Bauweise: Holzständer- und Stahlskelett-Bauweise
Wohn- und Nutzfläche: ca. 145 m2
Baustoff, konstruktiv: Stahl, Holz
Dach: Satteldach
Fassade: Holzverschalung (Lärche)
Haustechnik: Stückholzkessel, thermische Solaranlage zur Warmwasserbereitung und Heizungsunterstützung, kontrollierte Lüftung mit Wärmerückgewinnung, Regenwassernutzungs-Anlage mit 5.000-Liter-Zisterne
Baukosten: ca. 350.000 Euro
Architekt: Dipl.-Ing. Wolfgang Ritsch, Atelier für Baukunst Wolfgang Ritsch