Es ist ein Eyecatcher, das erste Haus im Baugebiet mit Flachdach und in klassisch-moderner Formensprache. Innen kommen Besucher und Gäste dann richtig ins Staunen. Und nebenbei löst sich so manches Vorurteil über das Passivhaus in Luft auf.

Annette Barth klingt leicht amüsiert, als wir fragen, ob sie anfangs eventuell Vorbehalte gegenüber der Passivhausbauweise hatte. Vorbehalte von der Art, wie sie derzeit weitverbreitet sind. Für eine Mehrheit der Bundesbürger scheint ja das Dämmen gleichbedeutend mit Schimmelbefall und drohendem ­Erstickungstod zu sein. Ergebnis von Medienberichten mit Titeln wie „Wahnsinn Wärmedämmung“ oder „Verdämmt in alle Ewigkeit“ –, erst recht, wenn es um Häuser geht, die so gut isoliert sind, dass sie fast gar nicht mehr beheizt werden müssen. Die Bauherrin, Kommunalpolitikerin in einer Gemeinde in Baden-Württemberg, kennt die typischen Einwände gegen energieeffiziente Gebäude zur Genüge, aber sie teilt sie nicht. Auch dank ihres Einsatzes hat der 4.000-Seelen-Ort einen der ersten „passiven“ Kindergärten in Deutschland bekommen (aktiv sind dafür die Kinder).

Fast schon im Freien befindet man sich im Wohnbereich mit großzügigem Luftraum.
Der Himmel ist die Grenze: Fast schon im Freien befindet man sich im Wohnbereich mit großzügigem Luftraum. Foto: Dietmar Strauß

Hell und anregend im Passivhaus

Am Beispiel des Eigenheims von ­Annette Barth und Frank Richter kann man sehen, dass und wie das Passivhaus-Prinzip funktioniert. Ab und an schaut Planer Uwe Fichtner, vom Architekturbüro Rast in Großbottwar, mit potenziellen Kunden vorbei. Manche davon haben ihre Zweifel und stellen kritische Fragen. Sofern sie sie nicht bereits beim ­Anblick der Architektur vergessen oder nachdem sie durch die Haustür getreten sind. Hinter ihr wartet ein mit Glas überdachter Gang, doch Überhitzungsgefahr besteht nicht, man befindet sich noch auf der Nordseite, muss sich erst langsam nach Süden vorarbeiten, und das Interieur wirkt ohnehin ausgesprochen er­frischend.

Blick von der Galerie.
Blick von der Galerie: Der Sprung in den kühlen Pool ist ­Belohnung am Ende eines heißen und ­arbeitsreichen ­Sommertages. Foto: Dietmar Strauß

Vorbei geht’s an einer ­lindgrünen Wiese in 2D: an echten Büffelgrashalmen, eingebettet in Acrylglas. Eine lichtdurchlässige, dabei blickdichte Trennwand zwischen Flur und WC und ebenso zwischen Bad und Flur, „… das Highlight für die meisten Gäste.“ Vorbei an der Treppe ins Obergeschoss und an der Garderobe mit leuchtend grün beschichteten Schiebetüren. Noch ein paar Schritte weiter und man steht im Wohnbereich, geprägt von über beide Geschosse gezogenen Ver­glasungen und einem großzügigen Luftraum über der Sitzgruppe, mit Blick auf Terrasse, Pool, Garten und sehr weit ins Land hinaus.

Kaminofen im Wohnbereich.
Der Kaminofen im Wohnbereich „… kommt nur im Winter und dann an den Wochenenden zum Einsatz, wenn wir dieses besondere Ambiente haben wollen.“ Foto: Dietmar Strauß

Stand der Technik

Frank Richter ist wie seine Frau in der Kommunalpolitik engagiert, hat allerdings früher als Vermessungs­ingenieur gearbeitet und auch heute noch viel mit Baubelangen zu tun, auch bei ihm rennt man in Sachen Energieeffizienz offene Türen ein. In den Planungsgesprächen mit Fichtner ging es nie um das Ob, sondern nur noch um das Wie. State of the art sollte es in jedem Fall sein. Die Haustechnik lässt sich komplett über ein BUS-System regeln, das notfalls den Laden auch alleine schmeißt, unter anderem die Verschattung der großzügig bemessenen Fensterfronten steuert.

Blick von der Galerie.
Foto: Dietmar Strauß

In der Hauptsache heizt die Sonne das Gebäude, nur wenig von der Wärme entkommt wieder durch die Drei-Scheiben-Verglasungen; die Lüftungsanlage führt zwar verbrauchte Luft ab, entzieht ihr aber zuvor viel von ihrer Wärmeenergie und einen Teil der Feuchtigkeit und überträgt beides auf die Frischluft. Selbst bei Außentemperaturen weit unter Null, so Barth, könne man tagsüber oft auf die sparsam verteilten, schmucken Granitplatten mit Elektroheizelementen verzichten. Überhaupt würden sie nur von Dezember bis Januar gelegentlich gebraucht. Die Solarwärme-Kollektoren auf dem Flachdach trügen 60 Prozent zur Warmwasserbereitung bei.

Streng und verspielt

Der Pool auf der Terrasse wird nicht beheizt. Am Ende eines heißen Sommertages sei der Sprung ins kühle Nass eine wahre Wohltat. Er wird von zwei geschützten Freisitzen in die Mitte genommen, deren Glasdächer von Säulen und Wandelementen ­getragen werden, nur Andeutungen weiterer einfacher, kubischer Bau­körper, wie sie auch vor dem Eingangsbereich auffallen. Nicht mehr als ­Markierungen im Raum, ein Stilmittel, mit dem die Klassische Moderne seit ihren Anfängen die einen irritiert und die anderen fasziniert. Eine vergleichbare Mischung aus zweckfreier Verspieltheit und strenger Zurück­haltung zeigt der Garten. Kein von akkurat gestutzten Hecken und ­Koniferen umgebener Rasen, keiner dieser Spielplätze für Männer mit Sitzrasenmäher, sondern eine wirk­liche Landschaft, mit einer gewissen Zen-Aura, versehen mit sanften ­Hügeln, fernöstlich zurückhaltend bestückt mit Bäumen und Büschen.

Zur Klassischen Moderne gehört auch die Nicht-Farbe Weiß.
Zur Klassischen Moderne gehört auch die Nicht-Farbe Weiß. Gegen den weitverbreiteten Algenbewuchs verwendet der Architekt bevorzugt alkalische Silikatfarbe, mit ermutigendem Ergebnis. Foto: Dietmar Strauß

Vorurteilsfreier

Platzangst im Passivhaus? Natürlich öffneten sie Fenster und Fenster­türen, sagt Barth, wann immer ihnen danach sei. Nur sei ihnen selten ­danach. Und der Schimmel hinter gedämmten Wänden? Unsinn, so die Bauherrin mit Praxiswissen. Bei ihnen schon einmal gar nicht. Und wo es zum Beispiel nach der Modernisierung zu Schimmelbefall komme, sei nicht richtig modernisiert worden. Dass man dagegen im Passivhaus überlebt und sogar gut lebt, dürften die Gäste nach kurzer Zeit in den vier Wänden des Ehepaares gemerkt haben. Bei ­einigen dürfte da gleich ein ganzes Weltbild zusammenbrechen. Der Welt würde es nicht schaden.

BAUTAFEL

Planungszeit: März – Mai 2009
Bauzeit: Juli – September 2009
Bauweise: massiv
Wohnfläche: EG ca. 199,27 m², OG ca. 101,79 m²
Baustoffe, konstruktiv: Hochlochziegel, Stahlbeton (Decken)
Dämmung: Wärmedämm-Verbundsystem mit 30 cm Polystyrol (Außenwand); 20 cm Polyurethan (Dach)
U-Werte der Außenwände: ca. 0,11 W/(m²)
U-Wert der Fenster: ca. 0,78 W/(m²)
Haustechnik: kontrollierte Lüftung mit Wärmerückgewinnung, Granit-Heizplatten (elektrisch), Solarthermie-Anlage zur Warmwasserbereitung (6 m² Kollektorfläche), raumluftunabhängiger Kaminofen, BUS-System
Jahres-Primärenergiebedarf: (berechnet nach dem Passivhaus-Projektierungspaket (PHPP), genauer als nach EnEV) ca. 32 kWh/(m²)
Jahres-Endenergiebedarf (s.o.): ca. 39 kWh/(m²)
Baukosten: keine Angaben
Architekt: Uwe Fichtner, Architekt Dipl.-Ing. FH, Architekturbüro Rast – Planen Bauen

Bauplan
Links: EG Rechts: OG

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