Licht pur: Ein Haus am Bodensee als Lichtfänger.

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Haus am Bodensee.
Foto: Kobiela

Ein Grundstück direkt am Bodensee, mit eigenem Strand. Der Architekt musste jedoch seinem Auftraggeber zuerst klar machen, dass auf einem – vorsichtig ausgedrückt – ungewöhnlichen Areal nur ein ungewöhnliches Haus wachsen kann.

Von der Garage an der Straße aus steigt man ein paar Stufen hinab zum Haupthaus.
Von der Garage an der Straße aus steigt man ein paar Stufen hinab zum Haupthaus. Foto: Architekt

Franz Alt ist Journalist mit einer Mission, der Mission, den Eintritt des Solarzeitalters zu beschleunigen. Er äußert sich in seinen Büchern und Vorträgen unter anderem immer wieder zum ökologischen Bauen und spart nicht mit Kritik an zeitgenössischen Baukünstlern. Würden Architekten endlich lernen, wo Süden ,ist, so Alt ein wenig spitz, könnten Gebäude mit halb soviel Heizenergie wie bisher auskommen. Da sei etwas dran, geben selbst Vertreter der Zunft zu. Tobias Kraus indes, Planer mit Sitz in Konstanz und eine Hälfte des Büros Kraus-Schönberg, muss sich den Schuh mit dem fehlenden Kompass nicht anziehen.

Foto: Architekt
Foto: Architekt

Großes Kino, kleines Kino

Eine seiner Arbeiten steht an einem, nein: steckt zur Hälfte in einem Steilhang, über dem Bodensee, auf einem handtuchbreiten Grundstück, das bis ans Wasser reicht. Vorbeifahrende sehen oben von der Straße aus nicht viel mehr als die gläserne Garage, der Rest, der Wohnraum, drei Geschosse insgesamt, wurde in Stufen angelegt; die letzte endet dort, wo das Gefälle plötzlich sanfter wird.

Der Korridor führt vorbei an den Lichtfugen zwischen den Schlafzimmern. Foto: Architekt
Der Korridor führt vorbei an den Lichtfugen zwischen den Schlafzimmern. Foto: Architekt

Ist der Glasquader für die PKW die Ebene 0, folgen ihm treppab die Ebene -1 mit den Schlafzimmern für Kinder und Eltern, Bad und WC, dann -2 mit Wohn-Ess-Kochbereich und Balkon sowie, ganz unten, mit Studio und Gästezimmer, die halb so große Ebene -3 mit überdachter Terrasse. Alle Geschosse sind auf der Schmalseite, nach Osten blickend, mit einer Glasfassade versehen, jeweils alle durch einen Flur auf der nördlichen Längsseite erschlossen. Besonders in den beiden oberen Stockwerken kommt Kino-Atmosphäre auf. Vom Küchenblock in Ebene -2 aus übersieht man Garten und „Schwäbisches Meer“, das Bad auf -1 wiederholt das Konzept im Kleinen, aus der eingelassenen Badewanne heraus schaut man durch ein Fenster von Bildschirm-Format hinaus in die Welt.

Man muss auch einmal das Teilende betonen: Leuchtelemente hinter Glas führen die Lichtfugen weiter.Foto: Architekt
Man muss auch einmal das Teilende betonen: Leuchtelemente hinter Glas führen die Lichtfugen weiter. Foto: Architekt

Die Belichtung erfolgt dabei nicht allein durch die bodentiefen Fenster zum Wasser, eine wichtige Rolle spielen ebenso zwei Glasbänder im Flachdach, mit direkt darunter befindlichen, schmalen Lufträumen, die die zwei Kinderzimmer und das Elternschlafzimmer voneinander trennen und dem Wohn-Ess-Geschoss ein Extra an Lumen spenden. Interessanter Nebeneffekt: im Wohnzimmer scheinen die drei Schlafräume von der hohen Decke zu hängen.

Eingelassene Beton - badewanne im Elternbad, mit Fenster zum See: großes kleines Kino.Foto: Architekt
Eingelassene Betonbadewanne im Elternbad, mit Fenster zum See: großes kleines Kino. Foto: Architekt

„Sonne bis vier“

Erinnert entfernt an das Haus W. in Hamburg, mit dem Tobias Kraus und Timm Schönberg 2009 den Deutschen Holzbaupreis in der Kategorie Neubau gewonnen haben, nachdem es bereits zuvor Furore gemacht hatte: Auch dort kann man im Erdgeschoss das Raumprogramm des Obergeschosses ablesen. 2003 allerdings war Kraus noch Mitarbeiter im Konstanzer Büro Hartwich Architekten, das Hanggebäude sein letztes Projekt dort. Entgegen der Polemik eines Franz Alt kannte er offenbar seine Himmelsrichtungen. Ganz zu Anfang bekam er einen Vorschlag der Bauherrin vorgelegt, ein Objekt im toskanischen Stil, auf dem sachte abfallenden Teil des Geländes platziert; über eine Rampe sollte man mit dem Auto vorfahren können.

Vorfreude auf einen Sprung in den Bodensee, schon beim Frühstück: der Wohn-Ess-Kochbereich auf Ebene -2. Foto: Architekt
Vorfreude auf einen Sprung in den Bodensee, schon beim Frühstück: der Wohn-Ess-Kochbereich auf Ebene-2. Foto: Architekt

Problematisch schon aufgrund der beengten Platzverhältnisse, mehr noch wegen der Lichtverhältnisse. „Hier verschwindet die Sonne im Sommer bereits ab vier Uhr hinter dem Berg, die riesigen, alten Eichen oben an der Straße nehmen zusätzlich Helligkeit.“ Unten, auf dem flacheren Abschnitt des Areals, hätte man das Haus buchstäblich in den Schatten gestellt. Kraus ging die Sache anders an. Ein schlanker, abgetreppter Baukörper, im Sandsteinfels verankert, sollte vom Morgen bis zum frühen Nachmittag an Sonnenstrahlen einfangen, was einzufangen war, durch Öffnung nach Osten und Südosten. Und bis in den Abend noch viel vom indirekten Licht, durch kurze Unterbrechungen in der Dachfläche. Der Architekt: „Mit einem Modell wurde das Programm erläutert und aufgrund seiner Verständlichkeit sofort akzeptiert.“

Alle drei Geschosse werden über die Treppe an der nördlichen Längsseite erschlossen.Foto: Kobiela
Alle drei Geschosse werden über die Treppe an der nördlichen Längsseite erschlossen. Foto: Kobiela

Nach Süden schauen

Jüngst fragte sich ein Autor der NZZ, der „Neuen Züricher Zeitung“, warum auf der deutschen Seite des Bodensees soviel und auf der schweizerischen so wenig los sei (NZZ, Online-Ausgabe, 22.8.2015). Eine mögliche Antwort gab Roland Scherer, Direktor des IMP, des „Instituts für Systemisches Management und Public Governance“ an der Universität St. Gallen: „Das liegt an der emotionalen Geografie. Die Leute wollen nach Süden schauen.“ So betrachtet hat unser Grundstück (mit eigenem kleinen Strand) nicht die Ideallage, aber das hielt den heutigen Besitzer nicht da von ab zuzus chlagen, als es nach zweieinhalb Jahren zum Verkauf stand. Hier möchte er alt werden. Mit der ursprünglichen Sichtbetonoptik im Inneren war er eher unzufrieden, hat die Wände weiß streichen und an sonsten das Interieur mit einer Farbpalette aus den 1970ern versehen lassen, von einer Konstanzer Innenarchitektin. Kraus sah vor Kurzem im Regional-Fernsehen einen Bericht über sein Werk – zwischen dem Geschmack der neuen Bewohner und seinem gibt es kaum Überschneidungen, er lässt sich jedoch von den poppigen, schreiend bunten Möbeln, Vorhängen und Küchenfronten, die Einzug gehalten haben, nicht aus der Ruhe bringen. Plant stattdessen mit seinem Kompagnon fleißig weiter Häuser, die garantiert nicht im Schatten stehen werden.

Foto: Kobiela
Foto: Kobiela

BAUTAFEL

Planungszeit: 12 Monate
Bauzeit: 12 Monate
Bauweise: massiv
Wohnfläche: Ebene -1 ca. 94 m² (zzgl. Nutzteil 53 m²), Ebene-2 ca. 110 m², Ebene-3 ca. 52,5 m²
Baustoff, konstruktiv: Stahlbeton; WU-Beton
Dämmung: Wärmedämm-Verbundsystem mit 14 cm Polyurethan-Hartschaum
U-Werte der Außenwände: ca. 0,18 W/(m²K)
U-Wert der Fenster: ca. 1,10 W/(m²K)
U-Wert Dach: ca. 0,16 W/(m²K)
Haustechnik: Sole/Wasser-Wärmepumpe, Kamin
Jahres-Primärenergiebedarf: ca. 57,15 kWh/(m²a)
Jahres-Endenergiebedarf: ca. 48,57 kWh/(m²a)
Architekt: Dipl.-Ing. Tobias Kraus, Kraus-Schönberg Architekten BDA

Bauplan Hanghaus
Ebene -1 Foto: Kobiela-Kraus Ebene -1
Bauplan Hanghaus
Ebene -2 Foto: Kobiela-Kraus
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