Vom Schandfleck zum Schmuckstück.

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Vom Schandfleck zum Schmuckstück
Retusche im Aufmacher von Edelsthal-Kaminrohr, Sat-Schüssel, Kabel und Stange, an der der das Kabel hängt sowie Straßenlaterne und links daneben weißes Rohr. Foto: Rathscheck

Das alte Grubenarbeiterhaus in Kottenheim in der Eifel galt über Jahre als Schandfleck. Innerhalb von 14 Monaten verwandelten Corinna und Lars Behrendt die 136 Jahre alte Immobilie in ein stylisches Loft.

Das Dach mit Asbestplatten eingedeckt, die Natursteintreppe mit Zement verkleistert, die Balken von Fäulnis zerfressen und Schimmel hinter der Wandverkleidung: „Es war Liebe auf den ersten Blick“, schmunzelt Lars Behrends. Und Ehefrau Corinna ergänzt: „Wir ahnten ja, was uns erwartet.“ 15 Jahre stand das 1881 erbaute Grubenarbeiterhausleer, bevor es unter den Hammer kam. 14.000 Euro blätterte das Ehepaar bei der Zwangsversteigerung auf den Tisch – für eine ziemlich heruntergekommene steinerne Hülle mit zwei Geschossen, zweimal 40 Quadratmetern morbider Wohnfläche, die teilweise noch im Rohbauzustand waren,und einem angrenzenden knapp 100 Quadratmeter verwilderten Grundstück. Mehr als das Zehnfache an Barem und Hunderte Stunden an Eigenarbeit investierten die Behrendts dann in eine beispielhafte Kernsanierung vom Keller bis zum Dach.

Nach der Renovierung ihres eigenen Wohngebäudes hatten die beiden „Lust auf mehr”.
Für Corinna und Lars Behrendt war das alte Grubenarbeiterhaus nicht die erste Sanierung. Nach der Renovierung ihres eigenen Wohngebäudes hatten die beiden „Lust auf mehr”. Foto: Rathscheck

Alten Mauerstein freigelegt

Was tatsächlich blieb, ist die dunkle Außenfassade aus markanten Basaltlavasteinen. Mit dem Hochdruckreiniger entfernte Lars Behrendt Farb- und Teerreste – und legte dabei auch den alten Mauerstein frei, den der erste Bauherr 1881 vermutlich persönlich über dem Eingang gravierte. Innen blieb dagegen kaum ein Stein auf dem anderen. Direkt hinter dem historischen Türbogen wird es heute modern und elegant, leicht und licht. Große Fenster zum Garten sorgen für viel Helligkeit, weiße Decken und die Kombination aus alten Natursteinböden und warmen Eichendielen vermitteln in Verbindung mit einer Edelstahlküche, eleganten Designermöbeln und LED-Beleuchtung anspruchsvolle Wohlfühlatmosphäre.

Basalt-Loft für Feriengäste

Das Basalt-Loft ist Wohnen auf Zeit: Es wird an Feriengäste vermietet, die es in die Eifel zieht. Vor der Tür liegen mit den Traumpfaden und dem Moselsteig einige der beliebtesten Wanderwege. Mit den Maaren und Vulkanen, römischen Relikten, malerischen Burgen und den tief in den Schiefer eingeschnittenen Flusstälern gehört die Landschaft am Rande von Rhein und Mosel zu den bekanntesten Deutschlands. „Da lag es für uns auf der Hand, eine besondere Ferienimmobilie zu schaffen, die Geschichte und Zeitgeist verbindet.“ Die verwendeten regionalen Baumaterialien sind dabei Zeugen einer heißen Vergangenheit: Schiefer entstand in der Eifel vor rund 400 Millionen Jahren durch gewaltige Erdverschiebungen, Basalt durch die erkalteten Lavaströme der Eifelvulkane. Der letzte Ausbruch des nahen Lascher-See-Vulkans liegt erst 13.000 Jahre zurück.

Der alte Anbau aus unverputzten Bimssteinen wurde erweitert und erhielt eine gedämmte Fassade aus Lärchenholz.
Der alte Anbau aus unverputzten Bimssteinen wurde erweitert und erhielt eine gedämmte Fassade aus Lärchenholz, die Attika stellt geschickt die Verbindung zum historischen Teil her. Foto: Rathscheck

Sorgenkind Asbest-Dach

Zwischen Vision und Wirklichkeit lag ein aufwendiger wie steiniger Weg. Eines der großen Sorgenkinder war das Dach. Bei einer Renovierung Anfang der 60er-Jahre war es mit asbesthaltigen Faserzementplatten eingedeckt worden. Sie waren zwischenzeitlich so verwittert, dass sich gesundheitsgefährliche Asbestfasern lösen konnten. Platten waren geborsten, eindringende Feuchtigkeit hatte den Dachbalken schwer zugesetzt. Lars Behrendt verband bei der Dachneugestaltung das Notwendige mit dem Nützlichen: Zur Straßenseite blieben Dachform und Neigung – auch mit Rücksicht auf das Nachbargebäude – erhalten, zum Garten hin ließ er das Steildach geschickt in ein Flachdach übergehen. Darunter entstand auf den Grundmauern des ehemaligen Anbaus neuer Wohnraum auf zwei Ebenen, aus ursprünglich 65 Quadratmeter Wohnfläche wurden 80. Die Dachsanierung gestaltete sich dabei einfacher als anfangs gedacht: Mit einem Autokran wurden die beiden Dachhälften samt Gauben nahezu komplett und staubfrei abgehoben. Die giftigen Asbestplatten konnten danach fachgerecht Stück für Stück bequem auf dem Boden abgenommen und als Sondermüll entsorgt werden.

Naturschiefer-Eindeckung

Das neue Dach vereint Moderne und Tradition: Die hocheffiziente Aufsparrendämmung hält im Winter die Wärme drin und im Sommer die Hitze draußen, die großen Dachfenster sorgen für viel Licht. Harmonisch fügen sie sich in die geschwungene Bogenschnitt-Deckung aus Rathscheck-Naturschiefer ein, die dem Haus optisch seinen historischen Charakter zurückgibt. Der alte Anbau aus unverputzten Bimssteinen wurde erweitert und erhielt eine gedämmte Fassade aus Lärchenholz, die verschieferte Attika stellt heute geschickt die Verbindung zum historischen Teil her. Auch beim Innenausbau setzten die Bauherren vor allem auf Materialien aus dem Baukasten der Natur. Geschickt verarbeitet wurden Fundstücke, die während der Sanierungsphase auftauchten: Zehn Zentimeter starke Basaltsteine – „die wir im Garten gefunden haben“ – dienen heute als Fußboden im Eingangsbereich und vor dem Ofen, 30 Zentimeter dicke Basaltbrocken aus einer Abbruchwand vermitteln hinter dem Doppelbett und im Bad jetzt eine echte „Basalt-Loft-Atmosphäre“.

Schickes aus der Not heraus

Corinna und Lars Behrendt, sie Werbefachfrau und er Fotograf, waren beim Umbau ihre eigenen Architekten, „und manches entstand erst während der Renovierung.“ Wie die Lese-Koje: Da ein Stück tragendes Mauerwerk nicht entfernt werden konnte, kam die Idee, die komplette Fensternische zu vergrößern: „Wir wollten keine blöde Ecke haben, an der sich jeder stößt.“ Mit Parkettholz ausgekleidet entstand eine behagliche Kuschelecke mit Eifel-Blick. Auch die puristisch-stylische Edelstahl-Glas-Kombination in der Dusche ist ein aus der Not entstandenes und selbst entworfenes-Produkt: „Da wir sonst keinen vernünftigen Bodenablauf hinbekommen hätten.“ Genau wie die Schiebeläden aus Lochblech vor den Fenstern, da die Bauherren neben dem offenen Kaminofen keine Innengardinen anbringen wollten.

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