Klein, aber fein: Vom Haus zur Stadtwohnung.

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Weißes Schlafzimmer der Stadtwohnung.
Foto: Stefan Fister

Verkleinern wollte sich das Ehepaar, und trennte sich von einem dreistöckigen Haus mit Anbau. Die neue Stadtwohnung ist auch stilistisch ein völliger Neuanfang.

In Münster regnet es entweder, oder es läuten die Glocken. Und wenn beides is’, is’ Sonntach.” Sagen böse Zungen, sagen jedoch selbst manche Einheimische, achselzuckend, schicksalsergeben. Am Montag, dem 28. Juli allerdings war es einfach zu viel. Regen, nicht Geläut. Die Wassermassen, die sich über die Stadt und das Münsterland ergossen, brachen Rekorde gleich reihenweise, von 200 Litern auf den Quadratmeter in 24 Stunden sprach man im Rathaus. Straßen, Plätze und Parks „landunter”, Keller und teils auch Erdgeschosse geflutet. Im Untergeschoss unserer Bauherren stand das Wasser kniehoch, und als wir ein paar Tage später anrufen und uns nach dem Stand der Dinge erkundigen wollen, war gerade der Maler da, um die Schäden zu begutachten. Ihre Erdgeschosswohnung blieb zum Glück verschont. Ende letzten Jahres erst sind sie eingezogen, nachdem die Bauherrin die Umgestaltung geplant und geleitet hatte.

Das Wohnzimmer, mit Kassettenwand: „Aus MDF-Platten ...”, so Anselms Spogis von Raumkonzept, „... die können Sie anders als Spanplatten fein schleifen.
Das Wohnzimmer, mit Kassettenwand: „Aus MDF-Platten …”, so Anselms Spogis von Raumkonzept, „… die können Sie anders als Spanplatten fein schleifen. Das war wichtig, wegen der abgerundeten Ecken der Fächer.” Foto: Stefan Fister

Eine Linie

Mit einigem Herzblut, mit Professionalität und im Kontrast zu ihren alten vier Wänden. Vom Eingangsbereich über Aufenthalts-, Schlaf- und Essräume bis zur Küche und weiter in den Garten wird eine Linie, eine Ästhetik durchgehalten. Dass dieses Parterre einmal aus zwei Einheiten bestand, vergisst man leicht, trotz des Hinweises im Treppenhaus, wo noch der zweite Eingang zu erahnen ist, mit einer Milchglasscheibe geschlossen. Sanftes Leuchten für den langen Flur, an dessen Enden sich je WC und Gäste-WC befinden, mit opak lackierten Glas-Schiebetüren. Weitere Türen wird man innen vergeblich suchen. In Küche und Bad liegen helle, großformatige Fliesen (80 mal 80 Zentimeter), der Rest gehört dem Bitterschokoladenbraun der Vinyl-Beläge, dunklem Holz täuschend ähnlich, bis hin zur fühlbaren Maserung. So dunkel sie sind, als Lichtschlucker haben sie indes keine wirkliche Chance gegen die weißen Wände und Decken, die Wände in hellem Latte Macchiato, die mal schlohweißen, mal cremeweißen Möbel, Hintergrund für Bilder und Skulpturen der Bauherrin, alle in sanften, zurückhaltenden Erdtönen.

Die Wand in Latte Macchiato im Esszimmer mildert wie die weißen Shutters das Südlicht ab. Foto: Stefan Fister
Die Wand in Latte Macchiato im Esszimmer mildert wie die weißen Shutters das Südlicht ab. Foto: Stefan Fister

Der notwendige Lichtfilter

Malermeister Ralf Lampferhoff, der mit seinem Betrieb alle Arbeiten an Wänden und Böden ausgeführt hat, hatte anfangs angesichts der radikalen Öffnung der Südseite seine Zweifel, ob es nicht zu hell, zu transparent werden würde. Denn zum Garten hin wurden aus normalen Fenstern bodentiefe oder gleich Fenstertüren. Da braucht es Filter, aber nicht irgendwelche. Seine Auftraggeberin suchte und fand: Shutters, Innen-Klappläden aus Lindenholz, mit verstellbaren Lamellen, die interessante Effekte zaubern.

Zwischen heutiger Küche und Essbereich fand einer der wichtigen Durchbrüche statt. Die Stahlunterzüge an den Durchbruchstellen wurden mit Gipsbauplatten verpackt, ausreichend brandsicher. Foto: Stefan Fister
Zwischen heutiger Küche und Essbereich fand einer der wichtigen Durchbrüche statt. Die Stahlunterzüge an den Durchbruchstellen wurden mit Gipsbauplatten verpackt, ausreichend brandsicher. Foto: Stefan Fister

Aufräumen!

Das frühere Domizil des Ehepaares liegt nicht weit weg, auch das hatte sie federführend vor jetzt 14 Jahren umgestaltet verhalten bunt, in vielen Pastellfarben; zuletzt aber war beiden Pflege und Verwaltung der drei Geschosse samt Anbau zu anstrengend geworden. Da traf es sich gut, dass ihm eine Straße weiter in einem Mehrparteienhaus bereits eine Wohnung gehörte. Es gelang nach einigem Verhandeln, die zweite, kleinere nebenan hinzuzukaufen. Und mit ihr eine Menge „Müll”, erinnert sich die Bauherrin an das Messie-Paradies.

Foto: Stefan Fister
Foto: Stefan Fister

Zwei Wohnungen zu einer zusammenzulegen, in eine neue, helle zu verwandeln, macht einiges an Arbeit – Einreißen eines Teils der Innenwände nach einem vom Statiker abgesegneten Plan, Entfernen von Brüstungen, Abschleifen der Wände und Böden –, doch die Vorbereitung, das Aufräumen, war nervenaufreibender. Mehrere Tage lang gingen Entrümpler ein und aus und füllten fleißig den Container. Auf den gewonnenen 125 Quadratmetern sind mit Ausnahme der Küche alle Einbaumöbel Kreativleistungen der Frau des Hauses, ausgeführt vom Unternehmen „Raumkonzept”. Über das sie nur Umbau-Daten Gutes zu berichten weiß: Anselms Spogis, einer der Geschäftsführer, habe ihre recht detaillierten Vorstellungen aus dem Stand heraus in Skizzen umgesetzt, schließlich in die fertigen Stücke, die Kassettenwand im Wohnzimmer, den Waschtisch im WC, die Podeste für ihre Objekte und Skulpturen.

Genau gegenüber der kleinen Terrasse vor der Küche findet sich der überdachte Freisitz. Nichts erinnert mehr an den Fahrradschuppen, der hier einmal stand.Foto: Stefan Fister
Genau gegenüber der kleinen Terrasse vor der Küche findet sich der überdachte Freisitz. Nichts erinnert mehr an den Fahrradschuppen, der hier einmal stand.Foto: Stefan Fister

Innendämmung der Stadtwohnung

Nachbessern des Wärmeschutzes ist in Gebäuden aus den Fünfzigern immer eine gute Idee. An den ungemütlich kalten Außenwänden, im Norden sowie im Osten, zur Durchfahrt zum Hof hin, war Innendämmung das Mittel der Wahl, in Form einer nur zehn Millimeter starken Dämmplatte aus Polyurethan, beidseitig mit Aluminiumfolie kaschiert; dampfdicht, sodass Luftfeuchte aus den Innenräumen nicht mehr in die Bausubstanz dringen und dort kondensieren kann. Auch an den nun wärmeren Wandoberflächen wird sie sich kaum niederschlagen. Die neuen, dichten Fenster mögen nur noch wenig feuchte Raumluft nach draußen entweichen lassen, die Gefahr von Schimmelbefall ist gering: „Dann ist bei uns das Querlüften denkbar unkompliziert, es sind keine Türen im Weg.”

Der Garten wurde genauso zurückhaltend und sparsam eingerichtet, dazu mit japanischen Anklängen, als Kiesgarten mit Buddhakopf, mit wenigen Gräsern und Buchsbäumen. Foto: Stefan Fister
Der Garten wurde genauso zurückhaltend und sparsam eingerichtet, dazu mit japanischen Anklängen, als Kiesgarten mit Buddhakopf, mit wenigen Gräsern und Buchsbäumen. Foto: Stefan Fister

Lieber die Glocken

Feuchte Bausubstanz, das Thema wird Münster fürs erste erhalten bleiben, immer noch müssen Erdgeschoss- und Kellerwände getrocknet werden. Das Ehepaar ist froh, so glimpflich davongekommen zu sein, in dieser beschaulichen, ruhigen Ecke der Stadt. Wie ruhig, so die Projektleiterin, glaubten Verwandte und Bekannte in der Regel nicht, bevor sie nicht selber dort entspannten, überrascht von der Stille, vom Erholungswert des Gärtchens mit Zen-Appeal. Den die Bewohner selber immer wieder aufs Neue genießen bei jeder Rückkehr. Dennoch würden sie wohl derzeit, auch als Lokalpatrioten, das Geläut aller Kirchen der Bischofsstadt auf einmal jeder Regenfront vorziehen.

Foto: Stefan Fister
Foto: Stefan Fister

Umbau-Daten


Baujahr Altbau:
1955
Umbauphase: Febr. – Dez. 2013
Bauweise Bestand: massiv
Baustoffe Bestand, konstruktiv: Ziegel, Kalksandstein
Bauweise Umbau: Trockenbauweise
Baustoffe Umbau, konstruktiv: Stahl-Unterzüge
Dämmung: Innendämmung (10-mm-Polyurethan-Platten,beidseitig aluminiumkaschiert)
Baustoffe Ausbau: Design-Bodenbelag (Vinyl-Elemente, verklebt,mit Polyurethanlack versiegelt), Vliestapeten, Putz, MDF-Platten (Einbaumöbel)
Heizung und Haustechnik vorher: Gaskessel, Heizkörper; in der kleinen Wohnung Nachtspeicherheizungen
Heizung und Haustechnik nachher: Gaskessel, Heizkörper
Wohnfläche vorher: ca. 80 m²
Wohnfläche nachher: ca. 125 m²
Umbaukosten (mit Außenanlagen): ca. 200.000 Euro Einbaumöbel, Glasschiebetüren: Raumkonzept, Spogis + Billermann Design GbR, Thomas Billermann, Anselms Spogis
Maler- und Putzarbeiten, Böden: Malerbetrieb Lampferhoff

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