Um- und Ausbau eines Resthofes.

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Umbau eines Resthofes
Foto: Stefan Fister

Landwirtschaft lohne sich nicht mehr, hatten die Vorbesitzer beschlossen, und schließlich auch den Resthof noch verkauft. Das Landleben aber allemal, finden die neuen Eigentümer, die heute hier mit Freunden wohnen.

Die üppig wachsenden Pflanzen malen kräftig mit am Bild dieses ländlichen Idylls. Zwei Häuser, ein großes Bauernhaus mit Anbau und gleich nebenan ein kleineres, werden eingerahmt und eingekuschelt von sattem Grün, zwischen Lattenzaun und Hauswand ein Paradies für den Hund und den schwarzen, einohrigen Kater. Hier und da hat sich die Vegetation schon weit an den Fassaden hochgearbeitet. Passt der Bauherrin ganz gut, weil die Klettergewächse wenigstens in Ansätzen die Verklinkerung verdecken, mit der zu den „Unser-Dorf-soll-schöner-werden“-Zeiten das Hauptgebäude des Resthofes teilweise verkleidet wurde. Zum Glück, meint Ulrike Kroneck, sei den Vorbesitzern auf halber Strecke das Geld ausgegangen. Der Anbau, ehemals ein Schweinestall, und die ehemalige Scheune im Süden zeigen noch die ganze, ursprüngliche Pracht des Bruchsteins. Ein Paradies für Vierbeiner und Refugium für die Gäste der Bauherrschaft, vor allem kreative Menschen, die Kroneck mit Vorliebe um sich hat, sie versorgt, mit dem bekocht, was Kräutergarten und Hochbeet hergeben.

Altes Handwerk

Unterm Dach des Haupthauses befindet sich ein Apartment, im Erdgeschoss die alte Bauernwohnung. Überall ist es innen licht, dank der neuen Fenster, Holzfenster mit echten Sprossen. An das Nebengebäude, die einstige Scheune, heute Büro, Atelier, Übungsraum, schmiegt sich eine Sauna an, früher Hühnerstall, gleich davor der Pool. Drinnen proben befreundete Musiker, außer Hörweite lärmempfindlicher Nachbarn. Der Boden besteht aus hellen Eschendielen, auch die Treppe zur Empore, inklusive einer integrierten Kommode, praktisches Möbelstück und Treppenpodest in einem. Entworfen und angefertigt vom Vetter der Bauherrin, Jan Hülsemann, Architekt aus Bremen und Fachmann für altes Holzhandwerk, engagiert in der IgB, der „Interessengemeinschaft Bauernhaus e.V.“. Er war derjenige, der den Resthof vor dem Kauf 1990 begutachtet und für insgesamt solide befunden hat. Das Haupthaus von 1905 in allen Teilen, samt Dachstuhl („einen einzigen Balken mussten wir auswechseln“), ebenso das Wirtschaftsgebäude. Nur der seitliche Anbau von 1917, der Schweinestall, kriegsbedingt mit minderwertigem Material hochgezogen, musste bis auf die Außenmauern aus Naturstein zurückgebaut werden.

Wohnraum des Eigentümers
Der Anbau und ehemalige Schweinestall, mit Fußbodenheizung unter Fliesen: Hier wohnen die Eigentümer. Foto: Stefan Fister

Körpereinsatz

Bruchstein, weiß Hülsemann, ist in dieser Gegend lange der übliche Baustoff gewesen, und der hat es dem Bauherrn, Volker Brand, angetan. Er, mittlerweile Lehrer im Unruhestand, investierte viel Zeit und Muskelkraft in den Hof, zusammen mit dem Bruder Ulrike Kronecks. Brand mauerte und verputzte, sein Schwager kümmerte sich um die Elektroinstallation, die Holzarbeiten, das Verlegen der Heizschlangen für die Fußbodenheizung. In den ersten drei Jahren wurden die Bauernwohnung renoviert und der Schweinestall ausgebaut, in dem die Eigentümer derzeit leben. Er erhielt ein komplett neues Dach, innen wurde ausgekoffert, um mehr Kopffreiheit zu gewinnen, eine neue Decke wurde eingezogen, außen eine neue Drainage angelegt. Anschließend, bis 1996, wurde im Dachgeschoss des Haupthauses das Apartment geschaffen.

Umstellung auf Erneuerbare

Eigenleistung hat selbstverständlich ihre Grenzen. Eine Architektin sorgte für genehmigungsfähige Pläne, ein Elektromeister nahm die Installation ab, das Dach des Anbaus führte ein Zimmereibetrieb aus, und ein Heizungsbauer wechselte die alten Flüssiggas-Einzelöfen in den Fensternischen gegen eine Erdgas-Zentralheizung mit solarer Unterstützung aus. Kompetent in Sachen regenerative Heiztechnik, half er 2009 beim Umstieg auf 100 Prozent Erneuerbare. Seitdem liefert ein Holzpelletkessel Warmwasser und Heizwärme, für weniger als zwei Drittel der vorherigen Kosten. Die Solaranlage trägt weiter zur Warmwasserbereitung bei.

Ruhe zum Schreiben

Touristisch hat die Gegend in der Gemeinde Melle im südwestlichen Niedersachsen durchaus etwas zu bieten, eine abwechslungsreiche Landschaft, Feld-, Wald- und Wiesenwanderwege, und Ruhe; Kroneck und Brand wollten anfangs Fremdenzimmer einrichten, doch das Bauamt habe sich quer gestellt. Heute jedoch hat Ulrike Kroneck ohnehin anderes vor. Sie empfängt nicht nur Kreative der schreibenden Zunft, gibt Tipps, lektoriert, sie schreibt selber, hat bisher Sachbücher und drei Romane herausgebracht, darunter einen Kriminalroman. Von ihrem Verlag als „Krimi aus der niedersächsischen Provinz“ beworben, womit sie nicht ganz einverstanden ist. In den Regionalkrimis spielt das Lokalkolorit die Hauptrolle, in ihnen sind die lokalen Autobahnauffahrten und Parkplätze nur die Reality Bites, die die Story erden, glaubhaft machen. Und man dürfe sich Haus und Garten nicht ganz so vorstellen wie in „Ehe, Affären und andere Vergnügen“, ihrem siebten Buch, „… bis auf den Kirschbaum, der blüht so wie beschrieben bei uns vor der Tür.“ Anders als die meisten Normalbürger können Schriftsteller Realität und Fiktion genau auseinanderhalten, auch dort, wo sich die beiden Bereiche für einen Augenblick gegenseitig zu durchdringen scheinen. „Es gibt da ein Foto aus der ersten Bauphase, auf dem steht mein Bruder auf der Außenmauer des Schweinestalls, im Gegenlicht, wie Django.“ Wie der Django Franco Neros, der der Sechziger, stimmungsvoll im Staub des vielleicht gerade eben in sich zusammengebrochenen Dachstuhls.

Pool
Die „Kultur-Scheune“ mit Pool auf der Südseite: Das Wasser wird von Solar-Absorbern auf dem Dach völlig klimaneutral erwärmt. Foto: Stefan Fister

Toskana in Niedersachsen

Wilder Westen in Niedersachsen? Oder doch Italien? „Unsere Freunde nannten die Gegend früher schon manchmal die ‚Stuckenberger Toskana’“, nach dem Namen der Straße vorm Gartentor. „Vor einem Jahr sind sie in die Bauernwohnung im Haupthaus gezogen.“ In der Toskana sind die Häuser ja ebenfalls nicht alt, sondern in Würde gealtert. Und ein paar Macken schaden nicht, schaffen im Gegenteil Charakter. Machen unverwechselbar, wie den Kater, einen kleinen „Rabauken“ (Kroneck), der wohl anlässlich einer seiner vielen Meinungsverschiedenheiten mit Stubentigern oder Streunern der Nachbarschaft sein linkes Ohr eingebüßt hat. Nicht immer ist das Landleben die reine Lust.

Umbau-Daten

Baujahr Altbau: Haupthaus 1905, Anbau Schweinestall 1917
Umbauphasen: 1990 – 1993 Renovierung der Bauernwohnung im Haupthaus, Ausbau des ehem. Schweinestalls; bis 1996 Ausbau Dach Haupthaus inkl. Apartment und privaten Gästezimmern; 2003 Hobby- und Musikraum in der Scheune; 2010 Schleppgauben für Apartment und Gästezimmer
Bauweise Bestand: massiv
Baustoffe Bestand, konstruktiv: Bruchstein, Ziegel, Holz
Bauweise Umbau: Trockenbauweise
Baustoffe Umbau, konstruktiv: Konstruktionsvollholz
Dämmung: Dach Haupthaus Mineralwolle 20 cm, Dach Anbau Holzweichfaser
Baustoffe Ausbau: Massivholzdielen Esche, Fliesen, Bauplatten (Trockenbau)
Fenster: Holzfenster mit echten Sprossen und Zweischeiben-Verglasung
Heizung und Haustechnik vorher: Flüssiggas-Einzelöfen
Heizung und Haustechnik nachher: Erdgas-Zentralheizung plus Solarthermie, Solarabsorber zur Poolbeheizung; ab 2009 Holzpellet-Zentralheizung plus Solarthermie
Wohnfläche vorher: ca. 150 m2
Wohnfläche nachher: ca. 500 m2
Kaufpreis: ca. 170.000 Euro
Umbaukosten (mit Außenanlagen): ca. 200.000 Euro

 

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